Klage gegen Gentechnik-Soja: Anhörung vor EU-Gericht

15.05.2016 13:53 von Heribert Wefers

Gentechnik-Soja Intacta vor EU-Gericht

Aktuelle Pressemitteilung von TestBiotech http://www.testbiotech.org/node/1638

Testbiotech hat zusammen mit dem Europäischen Netzwerk kritischer WissenschaftlerInnen (European Network of Scientists for Social and Environmental Responsibility, ENSSER) und dem Verein Sambucus beim EU-Gerichtshof gegen die Zulassung gentechnisch veränderter Soja der Firma Monsanto (T-177/13) geklagt. Die Manfred-Hermsen-Stiftung, die Zukunftsstiftung Landwirtschaft, die Gesellschaft für ökologische Forschung und die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (AbL) unterstützen die Klage. 

Die Soja, die unter dem Kürzel MON87701 x MON89788 in der EU zum Import und zur Verwendung in Lebens- und Futtermitteln zugelassen[nbsp] ist, wird unter dem Markennamen Intactavor allem in Brasilien angebaut. In dieser Soja kommt es zur Kombination neuer Eigenschaften. Die Pflanzen produzieren ein Insektengift, ein sogenanntes Bt-Toxin, und sind gleichzeitig unempfindlich gegenüber dem Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat (u.a. enthalten in „Roundup“). Nach Ansicht der Kläger wurde diese Soja von der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA nicht ausreichend auf Risiken für VerbraucherInnen untersucht. Die EU-Kommission hätte die Sojabohnen deswegen nicht zulassen dürfen. 

Die Klage richtet sich insbesondere gegen

  1. die Bewertung der gentechnisch veränderten Soja als gleichwertig mit konventionell gezüchteten Sorten,
  2. die fehlende Untersuchung von Kombinationseffekten in der Soja,
  3. die mangelhafte Untersuchung der Auswirkungen auf das Immunsystem,
  4. die fehlende Überwachung möglicher gesundheitlicher Auswirkungen des Verzehrs dieser Bohnen.
Die Europäische Kommission hatte die Soja Ende Juni 2012 für die Verwendung in Futter- und Lebensmitteln zugelassen. Dagegen hatten sechs der jetzt beteiligten Organisationen im August 2012 eine Beschwerde bei der Europäischen Kommission eingereicht. Im Januar hatte die EU- Kommission die Beschwerde zurückgewiesen. Dabei wurde drei der Organisationen die Möglichkeit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) nach EU-Verordnung 1367/2006 eingeräumt. Die Klage wurde im März 2013 eingereicht. Im September 2013 wurde bekannt, dass auch Monsanto, die Regierung von England und die EFSA der Klage auf Seiten der Kommission beitreten wollen. Den 12. Mai 2016 setzte der EuGH als Termin für die Anhörung fest.
 
 
Welche spezifischen Risiken gehen von der Gentechnik-Soja aus?
 
1. Die Rückstände von Glyphosat

In der EU sind bereits 12 gentechnisch veränderte Sojavarianten zum Import zugelassen. Jedes Jahr werden 30 bis 40 Millionen Tonnen transgene Soja in die EU importiert – das meiste davon als Tierfutter. Fast alle dieser Sojabohnen sind gegen Glyphosat resistent und enthalten entsprechende Herbizid-Rückstände, so auch die Gentechnik-Soja Intacta.

Die gesundheitlichen Risiken dieser Rückstände können nicht genau eingeschätzt werden: Einerseits hält die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA – anders als die Weltgesundheitsorganisation WHO  - den Wirkstoff Glyphosat für unbedenklich. Auf der anderen Seite stellte die EFSA 2015 aber fest [http://www.efsa.europa.eu/de/efsajournal/pub/4302, dass sie die gesundheitlichen Risiken der Rückstände in den gentechnisch veränderten Sojabohnen nicht einschätzen kann. Der Grund: Glyphosat wird in Mischungen wie Roundup nicht alleine eingesetzt, sondern zusammen mit weiteren Zusatzstoffen die zum Teil wesentlich giftiger sind als Glyphosat selbst.

Im Ergebnis bergen Sojabohnen wie Intacta ein erhebliches, aber schwer einschätzbares gesundheitliches Risiko.

2. Die Bt-Toxine

Wie erwähnt, produzieren die Sojabohnen ein Insektengift, ein sogenanntes Bt-Toxin, das als Cry1Ac bezeichnet wird. Dieses ist nicht nur giftig für Fraßschädlinge, sondern kann bei Mensch und Tier Reaktionen des Immunsystems auslösen. Es kann beispielsweise Reaktionen auf Allergene verstärken und auch zu entzündlichen Reaktionen führen.

In Kombination mit Sojabohnen ist diese Eigenschaften brisant, da diese natürlicherweise eine ganze Reihe von allergieauslösenden Eiweißstoffen produzieren. Das Bt-Toxin, das von Intacta produziert wird, könnte deswegen dazu führen, dass Allergien beim Verzehr von Soja weiter zunehmen.

Diese Sorge wird noch dadurch verstärkt,dass es weitere Stoffe in Sojabohnen gibt (wie Trypsin-Inhibitoren), die den Abbau der Toxine bei der Verdauung verzögern. Dadurch können diese im Darm länger wirken als es der Fall wäre, wenn man die Toxine in isolierter Form zu sich nimmt.

Welche Menge der Bt-Toxine zusammen mit den Sojabohnen tatsächlich in Lebens- und Futtermittel gelangen, ist nicht bekannt: Die Menge Cry1Ac, die in den Sojabohnen produziert wird,  schwankt je nach Umwelteinflüssen. Zudem kommen bei der Verarbeitung der Soja zu Lebens- und Futtermittel sehr unterschiedliche Verfahren zum Einsatz, die ebenfalls Einfluss auf den Gehalt des Insektengift haben können.

Im Ergebnis liegen keine ausreichend verlässliche Daten über den Bt-Gehalt in der Nahrungskette vor, und das tatsächliche Risiko ist damit nicht einschätzbar.

3. Wechselwirkungen

Schließlich gibt es ein weiteres Risiko: Die Rückstände der glyphosathaltigen Spritzmittel und die Bt-Toxine könnten in Wechselwirkung ihre Giftigkeit verstärken. Es gibt beispielsweise Untersuchungen, die zeigen, dass Bt-Toxine auch bei Organismen wirksam werden, die normalerweise gegenüber diesen Stoffen unempfindlich sind, wenn sie zusammen mit weiteren Giftstoffen verabreicht werden.

Dieses Problem, das auch die Sicherheit von Futter- und Lebensmitteln betrifft, wurde nicht untersucht.

 

Weitere Informationen zu den Organisationen:

ENSSER: www.ensser.org

Gesellschaft für Ökologische Forschung: www.oekologische-forschung.de

Manfred-Hermsen-Stiftung: www.m-h-s.org

Sambucus: www.sambucus.org

Zukunftsstiftung Landwirtschaft: www.zs-l.de

Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL): www.abl-ev.de

 

Weitere Informationen zum Gerichtsverfahren:

 

Text der Klage, März 2013:  www.testbiotech.de/node/772

Reaktion der Kommission auf Beschwerde, Januar 2013: www.testbiotech.de/node/776

Text der Beschwerde, Juli 2012: www.testbiotech.org/node/691

 

Frühere Pressemitteilungen:

http://www.testbiotech.org/node/782

http://www.testbiotech.org/node/693



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