Wald-Theater

Ein Ferienprojekt für 8-12 jährige Mädchen und Jungen

Die Natur bietet Kindern lebendigen Lebens- und Erfahrungsraum. Sie regt die Phantasie an, fordert zu vielfältiger Bewegung auf und fördert die Wahrnehmung mit allen Sinnen auf selbstverständliche Weise. So schafft sie wesentliche Voraussetzungen für eine gesunde körperliche und seelische Entwicklung.

Das Verhältnis der heute heranwachsenden Menschen zur Natur ist auch in unserer ländlichen Region geprägt durch Technisierung, exzessiven Medienkonsum, denaturierte Nahrung und mangelnde Bewegung. Gerade der Lebensraum Wald ist vielen Kindern nicht mehr aus eigener Erfahrung bekannt und wird – gefördert durch Pressekampagnen, die z.B. die Angst vor Zeckeninfektionen und Fuchsbandwurm schüren - zunehmend angstbesetzt wahrgenommen. Das Bewusstsein darüber, dass die lebendige, vielfältige Umwelt eine Grundvoraussetzung für eine lebenswerte Zukunft für uns und die nachfolgenden Generationen ist, kann sich aus Mangel an persönlicher Erfahrung mit der Natur nicht mehr ausreichend entwickeln. Kinder brauchen aber eigene Erfahrung mit der sie umgebenden Natur, um sich selbst als einen Teil der Natur zu begreifen, und auch, um sie lieben zu lernen und zu lernen, wie sie in angemessener Weise genutzt werden kann. Die daraus entstehende Sensibilität schafft den Nährboden für Naturschutzinteresse, denn was man liebt, das schützt man. 

Der Wald ist als natürlicher Raum ganz besonders geeignet zum Erleben, Beobachten, Anfassen und Gestalten. Hier werden Entdeckungsreisen möglich. Die Förderung freudvollen, sinnlichen Erlebens in der Waldumgebung vermittelt spielerisch, sozusagen nebenbei, Wissen über Naturzusammenhänge. Berührungsängste gegenüber Tieren und Pflanzen werden abgebaut. Nicht das Waldsterben sondern das Waldleben steht im Projekt Wald-Theater im Mittelpunkt des Erlebten. Es geht nicht um die Hervorhebung von Problemen, die außerhalb des Einflussbereiches von Kindern liegen und sie unangemessen belasten würden, sondern es geht darum, in den Kindern  Begeisterung für ihre natürliche Lebensumwelt zu wecken, deren Geheimnisse zu entdecken und die eigene Kreativität zu entfalten.

Waldpädagogik und Theater

Sinnliche Umwelterfahrung, spielerisches Erforschen der Zusammenhänge, „Spielräume“ zu schaffen und die Wahrnehmung zu schärfen, das sind Ziele der Waldpädagogik und ebenso auch Ziele des Theaterspiels. Theater, Spiel,  Experiment, die Lust am Beobachten und Mitwirken, an der Begegnung miteinander und mit der Umwelt, das Erleben und Entdecken eigener Kreativität und Produktivität und der eigenen Fähigkeiten aber auch der eigenen Grenzen, das alles lässt sich im Wald auf neue und spannende Weise wunderbar entwickeln.

So wird der Wald zur natürlichen Lebensbühne, die von nun an mit sensibilisierten Sinnen  lustvoll betreten wird. In der Theaterarbeit werden die gewonnenen Einblicke spielerisch umgesetzt und in eine Form gebracht; Abschluss und Höhepunkt ist die Aufführung des gemeinsam entwickelten Theaterstückes oder der scenischen Kollage.

Waldpädagogik und Gesundheit

In unserer hoch technisierten Computer - und Autofahrergesellschaft leiden nicht nur Erwachsene an Bewegungsmangel. Zivilisationskrankheiten wie Haltungsschwächen, degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparates, Herz- Kreislauferkrankungen, Infektanfälligkeiten, Wahrnehmungs- und Konzentrationsstörungen, Essstörungen, Allergien usw. entwickeln sich oft schon aus Lebensbedingungen der Kindheit. Die Wahrnehmung der Säuglinge wird häufig nicht mehr auf natürliche Weise geschult, indem sie geborgen am Körper der Mutter getragen werden und von dort aus die Welt entdecken können. Sie werden im Kinderwagen geschoben, sitzen im Babyswinger oder im Hopper, werden nicht selten sogar vor den Fernseher gesetzt, um ihren Bewegungsdrang zu zügeln. Bei Kindergartenkindern ist der Fernsehkonsum bereits zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden, etliche Schulkinder verbringen am Wochenende viele Stunden mit Fernsehen und Computerspielen. Mit einem reichhaltigen Therapieangebot wird versucht, die Folgen dieser neuzeitlichen Kindheitsbedingungen , die sich unter anderem in Wahrnehmungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten wie Unruhe oder Konzentrationsmängeln äußern, zu beseitigen. Die Defizite der Kinder geraten dabei eher in den sorgenvollen Mittelpunkt der Betrachtung von Eltern, Erziehern und Ärzten als das schlummernde Potential, für dessen Entfaltung das Kind in einer zunehmend lebensfeindlichen Umwelt keinen Entwicklungsraum mehr hat. Die schleichende Umwandlung lebendiger Lebens- und Spielräume in Therapiewelten bestimmt heute den Alltag vieler Kinder.


Das Schwimmen und Turnen in Gruppen für Kleinkinder gehört heute zwar zum normalen Freizeitprogramm, kann aber nicht ausreichende Bewegung und das freie Spiel an der frischen Luft ersetzen, die eine Grundvoraussetzung für die Gesamtentwicklung, für gesundes Knochenwachstum und die Entwicklung des Immunsystems darstellen. Das UV Licht fördert die Bildung des Vitamin D3, Bewegung trägt zur Einlagerung des Calciums in den Knochen bei. Der Aufenthalt in der freien Natur zu allen Jahreszeiten und bei allen Witterungsverhältnissen fördert die Anpassungsleistung des Körpers an wechselnde Bedingungen, wirkt der „Verwöhnung“ durch kontinuierliche Heizungswärme entgegen, fördert die Sinnesentwicklung durch die Vielfältigkeit der belebten Natur. 

Durch die Waldpädagogik wird Kindern die Freude am Aufenthalt im Freien wieder näher gebracht. Ihr Bewegungsdrang wird auf natürliche Weise gefördert. Indem sie in der Gemeinschaft die Natur entdecken und kreativ nutzen, spüren sie sich selbst mit ihren ungeahnten Fähigkeiten und lernen gleichzeitig ihre Grenzen kennen und akzeptieren. Sie erleben die Dimensionen der Naturerscheinungen wie Regen, Wind, Gewitter, Kälte und Wärme unmittelbar. Sie erfahren die Elemente Erde, Feuer, Wasser, Luft und lernen, die Geheimnisse der Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen, sie als Geschenk zu entdecken, das nicht mit Geld zu bezahlen ist, sondern aus sich heraus existiert, so wie sie selbst.

Die gemeinsame Tätigkeit in der Natur mit dem Ziel der Aufführung eines Theaterstückes fördert einerseits das Wir - Gefühl in der Gruppe. Andererseits bietet die Vielfältigkeit der Natur und des kreativen Tuns unzählige Möglichkeiten der individuellen Entfaltung jedes einzelnen Kindes. So trägt die waldpädagogische Arbeit zur Entwicklung des persönlichen Potentials und eines gesunden Selbst - Gefühls bei und fördert das Sozialverhalten und die Integration in die Gruppe.

Gesunde Vollwerternährung

Zur Gesamtkonzeption unserer waldpädagogischen Arbeit gehört selbstverständlich die gesunde Vollwerternährung aus biologischer Erzeugung. Immer häufiger werden Kinder schon im Säuglingsalter mit Fertiggerichten ernährt. Da viele Nahrungsmittel gesüßt sind, wird das Verlangen nach Süßigkeiten regelrecht antrainiert. Die Favoriten in der Kinderernährung sind weiche Produkte wie Pommes frites, Fischstäbchen, Hamburger, Spagetti, Milchschnitten usw., die unaufwändig zuzubereiten und zu kauen sind. Fehlentwicklungen der Zähne und des Kiefers werden ausgeglichen durch Fluorpräparate und Zahnspangen. In Vergessenheit geraten und oft geradezu verpönt ist in unserer hoch entwickelten, auf schnelles Funktionieren angelegten Welt die Tatsache, dass die gesunde Vollwerternährung mit möglichst frischem und ungespritztem Gemüse und Fleisch aus biologischer Erzeugung ohne Rückstände von Antibiotika und Hormonen eine Grundvoraussetzung für die gesunde Entwicklung des Menschen und für die Reifung des Immunsystems ist. Im Projekt Wald - Theater nutzen wir bewusst aber zwanglos den großen Appetit der Kinder, der bei der vielen Bewegung an der frischen Luft einfach entsteht, um sie mit vollwertigen  Lebensmitteln aus biologischem Anbau zu versorgen, ohne sie über das belehren zu müssen, was für sie gesund ist.

Entstehung einer Idee und Trägerschaft

Die Projektleiterin Angela von Beesten (Ärztin) wurde zur Konzipierung und Verwirklichung des Wald-Theaters angeregt durch das Projekt Waldspiele, das 1998 erstmals in Gelsenkirchen von Andrea Kramer (Schauspielerin und Regisseurin bei forum kunstvereint) entwickelt und dort in Zusammenarbeit mit Dirk Gouder (Dipl. Forstwirt bei der Arillus GmbH Göttingen) durchgeführt wurde. In den Jahren 2000 und 2001 konnte der gemeinnützige Verein Biologische Schutzgemeinschaft Wümmeniederung und Nebenflüsse im Landkreis Rotenburg/Wümme e.V. (BSW) für die Umsetzung des Wald-Theaters gewonnen werden und führte es als Pionierprojekt für Kinder in Niedersachsen unter Leitung von A. von Beesten durch. Im Jahr 2002 wurde der gemeinnützige Verein Sambucus e.V. mit Vereinssitz auf dem Holderhof in Riepe gegründet. Seine Satzungsziele, die Natur zu schützen, Gesundheit zu fördern und Kultur zu gestalten und diese Bereiche miteinander zu verbinden, werden im Wald-Theater in besonderer Weise verwirklicht. A. von Beesten konzipiert  und organisiert das Projekt, der biologisch dynamisch bewirtschaftete Holderhof stellt ein geeignetes Waldstück zur Verfügung und sorgt für Verpflegung und Unterkunft von Teilnehmern und Betreuern.

Projektbeschreibung

An sechs Ferientagen erhalten 20 Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren die Gelegenheit, unter Anleitung von Fachkräften in einem Wald des Holderhofes in Vahlde OT Riepe im Landkreis Rotenburg/Wümme Naturerfahrungen im Ökosystem Wald zu sammeln, ihre Phantasie spielen zu lassen und neue Fähigkeiten an sich zu entdecken, um schließlich gemeinsam mit den Gruppenteilnehmern ein Theaterstück zu entwickeln. Der Wald ist dabei nicht nur Kulisse, er bietet die Inspirationsquelle für Kreativität. Im Zentrum des Erlebens steht die lebendige Natur.

Die waldpädagogische Aufgabe besteht zunächst darin, Sensibilität für die Natur zu wecken, in Kontakt zu kommen mit Tieren und Pflanzen des Waldes. In Geschichten und Spielen wird die Phantasie zur Wahrnehmung von Wasser-, Feuer-, Luft- und Erdwesen angeregt. Das mit allen Sinnen Erfahrene fließt in das sich langsam entwickelnde Theaterstück ein. Die Kinder bringen das im Laufe der Woche Erlebte spielerisch ein und setzen eigene Ideen um. Unterstützt und musikalisch inspiriert wird diese Entwicklung durch die Mitarbeit eines Musikers, der die Kinder bei der Entdeckung der Klänge des Waldes unterstützt und sie in der Erfindung von Melodien und Klangelementen begleitet und fördert. Der Wald ist in diesem Prozess Fundus für Instrumente, Kostüme, Masken und Bühnenbilder. Einzelne Elemente werden aus ihm heraus kreiert und mit der entstehenden Geschichte an verschiedenen Orten des Waldes zu einer Aufführung zusammengeführt.

Das Projekt besteht inhaltlich aus zwei Schwerpunkten. Zum einen beschäftigt sich die waldpädagogische Arbeit mit den Pflanzen, den Lebewesen, den Elementen, dem Naturkreislauf und der Atmosphäre des Waldes. In diesem Teil der Arbeit entstehen  die Masken und das Bühnenbild. 

Der andere Teil umfasst die Theaterarbeit. In der Entwicklung des Theaterstückes entstehen die einzelnen Rollen und Bilder aus dem Erleben des Waldes und der Natur. Die Aufführung wird ebenfalls im Wald stattfinden. Das Publikum wird in eine märchenhafte, geheimnisvolle Welt entführt. Die Spielorte wechseln, so dass das Publikum von Geschehen zu Geschehen wandern muss, dadurch immer in Bewegung bleibt und ebenso wie die Teilnehmer Schritt für Schritt den Wald neu als eine fremdartige, phantastische Welt erleben kann.

Ziel des Projektes

Wald -Theater ist so konzipiert, dass die Bereiche Natur, Pädagogik, Theater und Musik in gegenseitiger Ergänzung über die Naturwahrnehmung zur gemeinsamen Gestaltung und Aufführung eines Theaterstückes führen können.

Das Ziel ist, Sensibilität zu entwickeln für die belebte Natur des Waldes, in künstlerischer Arbeit die neue Erfahrung umzusetzen und in dem entstehenden Theaterstück auszudrücken. So wird spielerisch die Umwelt zum Erlebnisort, den es zu achten und zu schützen gilt. Die Verbindung von Natur, Kunst und Pädagogik gibt Anstoß zur Persönlichkeitsentwicklung. Hier findet Lernen statt im kreativen Umfeld Natur, ohne Leistungs- und Zensurendruck und nicht am mahnend erhobenen Zeigefinger. Die Kinder spüren sich in der Bewegung, erfahren sich selbst in Masken und Verkleidungen aus Naturmaterialien etc., im Austausch mit der Gruppe sowie in der Auseinandersetzung mit den durch die Natur entstehenden Gegebenheiten wie z.B. wechselnden Wetterverhältnissen, unterschiedlicher Vegetation an verschiedenen Spielorten usw.. So können Umweltbewusstsein und Umweltbildung aus der unmittelbaren Walderlebniswelt reifen. Die soziale Verantwortung in der Gruppe entwickelt sich an der gemeinsamen Aufgabe, die eine öffentliche Aufführung zum Ziel hat.

Ortsbeschreibung

Das Projekt wurde bisher durchgeführt in einem Areal von etwa 3 ha Mischwald in einer Bachaue. Vorherrschende Baumarten sind Erlen, Kiefern, Birken, Eichen. Der Wald zeichnet sich aus durch einen harmonischen Wechsel von mit Gras bewachsenen Lichtungen, freiem Waldboden unter knorrigen alten Eichen, lichtem Birkenwald, vom Bach umspülten Halbinseln mit Farnen, Gräsern und Kräutern. In Angrenzung an diese Flächen befinden sich ein Erlenbruch mit fast urwaldähnlicher Ausstrahlung und Flächen mit Gagel, Weide und Faulbaum. Die angrenzende Hochstaudenflur beherbergt Knabenkraut, Seggen, Mädesüß u.v.m. (dieses besonders schützenswerte Areal dient nicht als Spielfläche). Die Vielfalt der unterschiedlichen Landschaftseindrücke bietet sich für verschiedenste Erfahrungen, zur Phantasieanregung und  als Spiel - und Entdeckungsorte geradezu an.

Finanzierung

Die Finanzierung wird durch Teilnehmerbeiträge, Spenden und Projektförderungen ermöglicht. Die bisher durchgeführten Projekte wurden gefördert durch die Sparkassenstiftung Scheeßel, die Niedersächsische Lottostiftung, das Deutsche Kinderhilfswerk, die Gemeinnützige Treuhandstelle (GTS) Hamburg, die Vorwerkstiftung Tostedt, das Landesjugendamt Niedersachsen, den Lions Club Scheeßel, die Biologische Schutzgemeinschaft Wümme (BSW), den NABU Kreisverband Rotenburg/Wümme, das Kreisjugendamt Rotenburg/Wümme, die Samtgemeinde Fintel und durch private Spenden.

Projektbeschreibung: Angela von Beesten, 12.08.05